Hören ohne und mit Cochlea-Implantat

Unsere Ohren sind besondere Sinnesorgane. Im Gegensatz zu den Augen schlafen sie nie, wir können sie nicht schließen oder ihnen eine Pause gönnen. Hören bedeutet eigentlich, Schall wahrzunehmen. Ohren fangen Schallwellen auf und wandeln sie in Informationen um, die das Gehirn verarbeiten kann.
Menschen mit einem hochgradigen Hörverlust mussten bis vor wenigen Jahrzehnten ihr Leben in Stille verbringen. Mitte der 70er Jahre wurde mit dem Cochlea-Implantat(CI) zum ersten Mal ein medizintechnischer Ersatz für ein menschliches Sinnesorgan entwickelt. Seit damals haben CIs das Leben von tausenden Menschen weltweit verändert.

Wie wir hören

Grundlage des Hörvorgangs ist die Umwandlung mechanischer Energie (Schallwelle) in elektrische Nervenimpulse, die im Hörzentrum des Gehirns die Sinneswahrnehmung Hören erzeugen. Beim gesunden Gehör wird dieser komplexe Umwandlungsmechanismus von ca. 25.000 Hörsinneszellen vollzogen, den sog. Haarzellen, die an die einzelnen Hörnervenfasern angekoppelt sind.
Der Hörvorgang lässt sich in fünf wesentliche Schritte zusammenfassen:

  • Die Ohrmuschel fängt die Schallwellen auf und leitet sie in den Gehörgang; die Schallwellen bringen das Trommelfell am Übergang zum Mittelohr zum Schwingen.
  • Über die Gehörknöchelchenkette im Mittelohr erreichen die Schwingungen des Schalls das Innenohr und versetzen die darin enthaltene Flüssigkeit in Bewegung.
  • Infolge der Bewegung der Flüssigkeit „biegen“ sich die Haarzellen. Sie lösen elektrische Signale aus, die vom Hörnerv weitergeleitet werden.
  • Die Haarzellen am Ende der Cochlea werden von tiefen Tönen, die am Eingang von hohen angeregt.
  • Der Hörnerv übermittelt die Signale ans Gehirn, wo sie als akustisches Ereignis (Geräusche, Sprache, Musik, etc.) wahrgenommen werden.

Dieses Video wurde uns freundlicherweise von der Fa. MED-EL zur Verfügung gestellt.


Hörstörungen und Hörverlust

Sobald auch nur ein Teil des Ohres nicht einwandfrei funktioniert, ist unser Gehör beeinträchtigt. Man unterscheidet im Wesentlichen vier Arten von Hörverlust, abhängig davon, welcher Teil des Gehörs betroffen ist.

Schallleitungsschwerhörigkeit (konduktiver Hörverlust)

Wenn der Schall aufgrund eines Problems im Außen- oder Mittelohr nicht regelrecht an das Innenohr weitergeleitet werden kann, spricht man von einer Schallleitungsschwerhörigkeit. Diese ist meistens mit einem leichten bis mittleren Hörverlust verbunden, der in der Regel medikamentös oder operativ behandelt werden kann.

Schallempfindungsschwerhörigkeit im Bereich des Innenohres (Innenohrschwerhörigkeit)

Bei einer Innenohrschwerhörigkeit sind die Haarzellen beschädigt oder fehlen ganz. Diese Art von Hörverlust ist meistens bleibend und kann sich mit der Zeit verschlechtern. Der Grad der Schwerhörigkeit reicht von einem leichten bis zu einem völligen Hörverlust. Hörgeräte und Mittelohr-Implantatsysteme können bei leichter bis starker Schallempfindungsschwerhörigkeit Verbesserungen bringen. Für Personen mit hochgradigem oder völligem Hörverlust ist eine Cochlea-Implantation eine wirksame Lösung.

Kombinierter Hörverlust

Manche Menschen leiden an einer Kombination von Schallleitungs- und Innenohrschwerhörigkeit. Die Ursache für den Hörverlust liegt dann sowohl im Außen- bzw. Mittel- als auch im Innenohr.

Schallempfindungsschwerhörigkeit im Bereich des Hörnervs

In sehr seltenen Fällen kann ein Hörverlust aufgrund eines fehlenden oder geschädigten Hörnervs auftreten. Ein neuraler Hörverlust ist hochgradig und permanent. Hörgeräte oder Cochlea-Implantate stellen keine Lösung dar, da der Hörnerv die Schallinformationen nicht an das Gehirn weiterleiten kann. In manchen Fällen kann Betroffenen mit einem Hirnstammimplantat geholfen werden.

Das Cochlea-Implantat

Ein Cochlea-Implantat ist eine medizinisch-technische Lösung für Menschen deren Innenohrschwerhörigkeit mit Hörgeräten nicht mehr zu versorgen ist. Ein Cochlea-Implantat umgeht den defekten Teil der Cochlea, indem es den Hörnerv direkt anregt. Dazu muss eine Reizelektrode möglichst nahe an die Hörnervenfasern herangebracht werden. Diese Elektrode wird mittels einer Operation in die flüssigkeitsgefüllten Hohlräume der Cochlea eingeführt.
Cochlea-Implantate werden seit über 20 Jahren erfolgreich vom Säuglings- bis hin zum Erwachsenenalter eingesetzt.
Ein Cochlea-Implantat besteht aus einem externen Teil, dem Audioprozessor, sowie einem internen Teil, dem Implantat. Das Implantat, das operativ hinter dem Ohr eingesetzt wird, besteht aus einem Gehäuse, das die Elektronik beinhaltet, einer Elektrode (mit bis zu 24 Elektrodenkontakten), einer Empfangsspule und einem Magneten, der die externen Teile am Ohr hält. Der Audioprozessor wird hinter dem Ohr getragen. Er besteht aus einem Mikrofon zur Schallaufnahme, einer Verarbeitungseinheit, einem Batterieteil und einer Spule, über die die Information durch die Haut an das Implantat übertragen wird.

Funktionsweise eines CI

Dieses Video wurde uns freundlicherweise von der Fa. MED-EL zur Verfügung gestellt.


Der Audioprozessor wandelt den Schall in elektrische Impulse um. Dabei wird das akustische Signal in verschiedene Frequenzbereiche zerlegt. Jeder Frequenzbereich ist einem Elektrodenkontakt zugeordnet. Die elektrischen Impulse reizen den Hörnerv und werden an das Hörzentrum des Gehirns weitergeleitet.
Die Funktionsweise eines Cochlea-Implantats lässt sich wie folgt beschreiben:

  • Das Mikrofon des Audioprozessors nimmt die Schallsignale auf.
  • Der Prozessor verarbeitet diese Signale und wandelt sie in ein spezielles elektrisches Impulsmuster um.
  • Dieses Impulsmuster wird zur Spule und anschließend durch die Haut zum Implantat gesendet.
  • Das Implantat verteilt die Impulse an die entsprechenden Elektrodenkontakte in der Cochlea.
  • Der Hörnerv leitet diese Impulse an das Hörzentrum des Gehirns.

Für wen ist ein CI geeignet?

Cochlea-Implantate sind eine relativ neue Entwicklung in der Medizintechnik. Während bis vor einigen Jahren ausschließlich beidseitig vollständig ertaubte Erwachsene implantiert wurden, werden heute auch Patienten mit Restgehör mit einem CI versorgt. Auch Säuglinge und Kleinkinder mit hochgradiger Hörstörung werden heute standardmäßig implantiert. Damit wird in den meisten Fällen eine nahezu regelrechte Sprachentwicklung gewährleistet. Entscheident dafür ist eine frühzeitige Diagnose der Hörstörung und zeitnahe Versorgung, damit sensible Phasen der Sprachentwicklung nicht versäumt werden.

Indikation für eine Cochlea-Implantation:

  • Ein Schallempfindungshörverlust, der mit Hörgeräten nicht mehr versorgt werden kann.
  • Keine medizinischen Kontraindikationen
  • Hohe Motivation und angemessene Erwartungen des Betroffenen
  • Zugang zu Rehabilitationsmaßnahmen im Anschluss an die Operation

Bei Säuglingen und Kindern sind zusätzlich folgende Punkte zu beachten und im Vorfeld abzuklären:

  • Alter des Kindes
  • Entwicklungsverzögerungen
  • Zusätzliche Erkrankungen
  • Das soziale Umfeld zur Sicherstellung einer kontinuierlichen technischen Betreuung und hörsprachlichen Erziehung
  • Realistische Erwartungshaltung der Eltern



Hörimplantat-Zentrum
Hals-Nasen-Ohrenklinik
Klinikum rechts der Isar

Prof. H. Bier

Sprache ist ein wesentlicher Bestand­teil menschlicher Kommunikation, Hören eine der Grundlagen zum Verstehen von Sprache. Einschränkungen des Hörvermögens führen häufig zu einer Beeinträchtigung des Sprachverstehens und damit der Kommunikationsfähigkeit. Reichen konventionelle Hörgeräte nicht mehr aus, ein Sprachverständnis zu erlangen, können moderne Innenohrprothesen, sogenannte Cochlea-Implantate (CI) die Funktion des Innenohrs ersetzen. Somit ermöglicht die CI-Versorgung Gehörlosen und ertaubten Patienten wieder ein Hören und damit die Möglichkeit der lautsprachlichen Kommunikation.

Prof. Dr. med Henning Bier

Hals-Nasen-Ohrenklinik
Klinikum rechts der Isar
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